Rund um die Nordsee auf den Spuren der Wikinger

Donnerstag 30 Juni 2011

Auf den Spuren der Wikinger um die Nordsee Norwegen, Shetland, Orkney und Schottland: Fünf Wochen dem Alltag entfliehen, mal Englisch mit Muttersprachlern in ihrem eigenen Land sprechen, Inseln der ganz anderen Art und ihre ganz besonderen Sommergäste sehen und endlich die sagenhaften Highlands erleben – das war mein Plan für die diesjährige Radreise. Anreise nach Norwegen Von Lübeck aus fuhr ich zunächst mit der Bahn nach Flensburg. Der Zwischenstop hier wurde nötig, da die Zugverbindung nach Hirtshals in Dänemark mit Umsteigen in Kiel, Flensburg, Fredericia und Hjørring sich in die Länge zog und die Fähre nach Kristiansand / Norwegen auf mich wartete. Da der Bahnhof in Padborg früh morgens noch nicht geöffnet ist und Reservierung für das Rad erforderlich war, freute ich mich über die Unterstützung durch Jens vom ADFC Flensburg, der mir das Ticket organisierte. Der Fährterminal der Color – Line versorgt einen mit Kaffee und nötigen Accessoires während der Wartezeit. Abends um 23.00 Uhr kam ich in Kristiansand an. Auf dem Campingplatz dort kann man auch so spät abends sein Zelt aufstellen und morgens bezahlen. Norwegen: Kristiansand – Bergen Dieses Jahr konnte ich mich so früh wie noch nie auf die Socken machen: Mitte Juni ging es los. Ich wollte zum Mittsommerfest in Bergen sein, doch ich vergaß, Petrus einzuplanen... Der Regen der ersten Nacht in Norwegen sollte sich in diesem Land eigentlich nur an 2 Tagen verabschieden. Es war durchweg kühl und windig. Der Vorteil: ich sah während der ganzen Reise nicht eine einzige Mücke. So wurden die ca. 550 km nach Bergen zur echten Herausforderung. Größtenteils folgte ich dem Nordseeküstenradweg, der gut ausgeschildert ist. Leider gibt man hierzulande der landschaftlichen Schönheit manchmal deutlichen Vorrang vor guter Befahrbarkeit der Wege. So führt ein Teilstück über den historischen Vestlandske Hovedvei zwischen Hauge und Ogna. Schotter, schwergängige Tore und bis zu 20% Steigung machen diesen Weg nicht gerade zu einer Anfänger – Tour. Das Wetter lässt mich manchmal den Blick für die grandiose Natur verlieren. Ein Pass von gerade mal 275m wird zu einer echten Herausforderung, denn bis man ihn erreicht, geht es immer wieder in Serpentinen rauf und runter, ständig wechselnder Wind erschwert das Fahren zusätzlich. Den Jøssingfjorden werde ich jedenfalls nie vergessen. Von der ausgeschilderten Route abzuweichen, muß man sich gut überlegen. Die 44 ist oft eine Alternative, die jedoch sehr dicht befahren ist, wobei die LKW’s vorsichtig überholen. Einmal allerdings war es ein echter Fehler abzukürzen, denn die „Straße“ wurde schnell zur aufgeweichten Schotterpiste und führte in ein Tal, in dem gerade eine Großbaustelle für einen neuen Tunnel aktiv war und neue Wirtschaftswege für ein Unternehmen gebaut wurden. Und das alles bei strömendem Regen – wobei man sich im Bauwagen der Bauarbeiter gerne aufwärmen durfte... Egersund `s Touristkontor beschäftigt sehr nette Leute. Hier buchte man für mich die Fähre von Bergen nach Lerwick auf den Shetlands, die nur einmal pro Woche fährt. Ich musste also Dienstag in Bergen sein. Das war kein Problem, denn als ich den bergigsten Teil der Strecke hinter mir hatte und ins „Flachland“ um Stavanger kam, bekam ich einen „Lift“ bis zur Fähre Mekjarvik – Skudeneshavn und blieb so gut in der Zeit. Nette Gespräche mit anderen Reisenden und den hilfreichen Einheimischen halfen über die etwas getrübte Stimmung hinweg, die das nahezu dauerdiesige Wetter dann doch auslöste. So traf ich u.a. Lübecker Motorradfahrer, ein amerikanisches Paar auf einem klappbaren Tandem und aus Holland Jacques, Floris und Monique. Das Austauschen von Erlebnissen ist oft auch schon wieder ein Erlebnis. Ab und zu fährt man ein Stück gemeinsam, das macht Spass. Leider schien in Bergen die Sonne auch nur sporadisch, aber es war meistens trocken, sodass man einige Schönheiten der Stadt bewundern konnte. Einen Campingplatz in Bergen fand ich nicht. Die nächsten sind außerhalb in Richtung Indre Arna. In Nesttun gibt es ein Motel, dass auch ein bisschen Grün hinterm Haus hat. Hier verhandelte ich mit dem Besitzer und bekam 30% Mengenrabatt, da ich drei Tage Zeit hatte, bevor mein Schiff nach Lerwick ging – Nachrichten und Geschichten über Bergen inklusive. Die Zeit in Bergen füllte sich schnell: Nach einem gründlichen Reinigen und Durchtrocknen aller Sachen entdeckte ich die vor 10 Jahren abgebrannte und wieder aufgebaute Fantoft - Stabkirche, stattete Troldhaugen, dem Haus, in dem Edvard Grieg und seine Frau gelebt haben, einen Besuch ab und wanderte durch das hanseatische Bryggen. Zum Ausflug auf den Hausberg Bergens, den Fløien, lud das Wetter einfach nicht ein. So durfte es dann auch mal die Bibliothek mit Internet – Connection sein. Shetland – Inseln Smyril – Line brachte uns nach Shetland, dem Land der tüchtigen Seefahrer. An Bord trafen sich viele Reiseradler. Ankunft war nachts um 02.00 Uhr. Der Campingplatz ist zugänglich wie gehabt und man meldet sich morgens an. Ca. drei Stunden hatte ich am nächsten Morgen Zeit, die Hauptstadt Lerwick zu erkunden, dann erinnerte sich das Wetter an mich und schüttete aus, was es zu bieten hat. Ich jedoch erinnerte mich daran, das der Campingplatz zu einem Vergnügungscenter mit Schwimmbad und Sauna gehört und Sonderpreise für Gäste hat – der Tag klang geruhsam aus. Da die Fähre nach Orkney erst zwei Tage später fuhr und es trocken war, hatte ich noch einen Tag, um endlich mein den ganzen Weg mitgeschlepptes Teleobjektiv seiner Bestimmung zu zuführen: Sumburgh – Head im Süden der Hauptinsel beherbergt im Frühsommer riesige Brutkolonien seltener Seevögel wie die der Papageientaucher. Englische Hobby – Ornithologen ließen mich durch ihr Monokular sehen und erklären mir den Krieg, der hier draußen an der sagenhaften Steilküste herrscht: die große Skua, die alle anderen brütenden Vögel ständig bedroht, der Kampf um die Nistplätze, das harte Wetter, das auf Shetland keine Bäume wachsen lässt,... faszinierend. Den letzten Abend krönte ein Besuch im Pub mit den drei Holländern, wo spontan Musik gemacht wurde. Auf Shetland erfuhr ich, was es mit den sogenannten „Böds“ auf sich hat: Das waren früher Gebäude, die Fischer und ihre Ausrüstung während der Fischzeit beherbergten. Heute bezeichnet die Shetland Islands Tourism ganz einfache Unterkünfte so. Alle an attraktiven Plätzen gelegen, sind die Böds eine günstige Möglichkeit, in historischen Cottages Land und Leuten auf die Spur zu kommen. Was man immer hat, ist ein stabiles Dach über dem Kopf. Man muß alles mitbringen, was führ einen Camping – Urlaub gebraucht wird, außer dem Zelt. Auf warme Kleidung wird besonders hingewiesen... Am Tag der Abfahrt wartete die Böd of Gremista in Lerwick auf uns. Was heute ein Museum ist, war früher Lager, Wohnung und Fischfabrik in einem. Clive, der Museumswärter, erzählte und erzählte – und gab mir einem tollen Tipp gegen die Seekrankheit: Seabands Orkney – Inseln Auch in Kirkwall, der Hauptstadt auf Orkney, kam man nachts an, aber alles klappt wie gewohnt. Bis zur Fährüberfahrt aufs schottische Festland von Stromness aus waren anderthalb Tage Zeit. Ich plante eine Strecke über die Hauptinsel, die an einigen Sehenswürdigkeiten vorbei führte. Bauernmarkt in Kirkwall mit selbstgemachten Spezialitäten, die St. Magnus – Kathedrale, eine reichbestückte Touristinformation, die die aktuellen Fährverbindungen zum Festland parat hatte. Wir sahen eine alte Erdhütte, die als Nahrungsspeicher diente. Der Weg führte an den Standing Stones von Stenness und dem Ring of Brogar vorbei zu der grandiosen Steilküste von Yesnaby im Westen von Orkney. Die Inseln sind wenig besiedelt, Zierpflanzen wachsen nur im Schutz der Steinmauern, die sich übers Land ziehen. Schottland: Scrabster – Edinburgh Sonntag Vormittag kam ich endlich auf dem schottischen Festland an. Die Ordnance - Survey – Karte, die es für das ganze britische National cycle network gibt und auch die Northseacycleroute detailliert schildert, zeigte einen Campingplatz nach ca. 60 km an. Das zunächst sonnige und windige Wetter schlug mit Zunahme des Höhenprofils um zu „sehr windig und regnerisch“, sodass mir die Touristinformation in Betty Hill mit angeschlossenem Café sehr gelegen kam. Im Gespräch mit dem Wirt ergab sich Erstaunliches: Der Campingplatz in Tongue ist seit drei Jahren geschlossen und es gibt weit und breit keinen anderen... Und ich würde doch von hier aus nicht etwa an der Küste weiter fahren wollen?? Es würde nämlich noch steiler werden, als es vorher schon war – 16% hatten mir auch eigentlich gereicht. Hier lernte ich die Schotten also kennen, denn es folgte eine genaue Beschreibung der empfohlenen Weiterfahrt: entlang des River Navern am Loch Navern vorbei nach Altnaharra. Hier gäbe es Bett & Breakfast, aber er würde mir den Crask Inn empfehlen. Von Altnaharra aus würde es dahin zwar immer bergauf gehen, aber nur ein bisschen. Frisch gestärkt machte ich mich auf den Weg. Die Beschreibung war exakt, nur – das Flusstal entpuppte sich als der reinste Windkanal. Selbst im ersten von 27 Gängen kam ich teilweise nicht vom Fleck, angereichert mit ein wenig Wasser sorgte der Wind dafür, dass ich genug von der schönen Gegend zu sehen bekam. In Altnaharra sah ich auch die angekündigte Unterkunft, aber ich war neugierig auf den Inn, wo die Übernachtung nur 8 £ kosten sollte. Und es sollte ja nur wenig bergauf gehen... Ich sollte lernen, dass Schotten manchmal zum Untertreiben neigen, denn der folgende Teil der Strecke führte mich an den Rand meiner Leistungsfähigkeit. Um so beeindruckender war der Empfang im Crask Inn, der als Ort in jeder Karte egal welchen Maßstabs eingezeichnet ist und doch nur ein einziges Haus mitten in den einsamen Highlands ist: Völlig ausgebucht durch Gäste, die zum Fischen wollten, bauten mir die Wirtsleute ein Bett in ihrem eigenen Wohnzimmer halb unter das Piano. In ihrer Badewanne wusch ich die Spuren der 106 Highland – Kilometer ab und durfte mich zunächst am offenen Kamin erholen, bevor ich ein wahrhaft lukullisches schottisches Dinner bekam: schottische Suppe, Stew, Pudding mit Vanille – Eis und eine große Kanne Tee. Ich fühlte mich wie im Himmel, als ich am nächsten Morgen das Original schottische Frühstück genoss. Als Zugabe bekam ich eine Einladung nach Edinburgh. Einige der Gäste würden zu der Zeit, zu der ich dort sein wollte, ihren Urlaub beendet haben und boten mir Unterkunft an, was ich gerne annahm. Hier in Crask besann sich das Wetter. Jetzt kam der Sommer mit aller Macht. Rückenwind und Temperaturen vom Feinsten ließen die weitere Fahrt an Inverness, Elgin, Banff und Inverurie vorbei, um Aberdeen herum nach Stonehaven zu einer erholsamen Reise werden. Von Stonehaven aus nahm ich den Zug nach Edinburgh. Hier erwartete mich sozusagen unser Kanzler. Das Treffen der G8 – Staaten wurde flankiert von den „Make Poverty Historie“ – Aktionen und ich als Touristin mitten drin. Ich war froh über eine feste Unterkunft, es war ohnehin alles überfüllt. An Sightseeing war nur in Auszügen zu denken. Eine Tour nach St. Andrews, das auch voller Trouble steckte, da die British Open anstanden und eine von meinem Gastgeber geführte Bergtour auf zwei der sogenannten „Munro´s“ rundeten meinen Aufenthalt in der faszinierenden Stadt ab, in der Inspektor Rebus für Recht und Ordnung sorgt. Rückreise Die Bahn brachte mich nach Peterborough in Südengland. Inzwischen beunruhigen die Londoner Bombenattentate das Land, im Zug angespannte Nervosität allenthalben, den Zielbahnhof ist London Kings Cross. In den Zeitungen verfolgte ich die Entwicklungen, in Gesprächen sind die Attentate Thema Nr. 1. Meine Reisestimmung verfliegt langsam aber sicher. Die letzten 200 km bis Harwich hatte ich noch richtig Sommer mit 30° C. Einmal gönnte ich mit eine Übernachtung in einer Bed & Breakfast – Unterkunft in Clare. Das Old Shipstore ist urig, das Frühstück genau auf die umfangreichen Bedürfnisse von Reiseradlern abgestimmt... Die schon von zuhause aus gebuchte Fähr - Überfahrt nach Cuxhaven ist der geruhsame Abschluss einer ereignisreichen Reise. Besonderheiten und Informationen Für Norwegen und Schottland ist eine wetterfeste und strapazierfähige Ausrüstung unbedingt erforderlich. Das Rad muß für schlechte Wegstrecken und steile Abfahrten geeignet sein. Ich empfehle, Ersatz – Bremsklötze und einen Faltreifen mitzunehmen. Das Zelt muß besonders auf Shetland und Orkney Sturm aushalten können. Warme, wind- und wasserdichte Kleidung genauso wie eine gute Sonnencreme und einen warmen Schlafsack halte ich für notwendig. Das Wetter schlägt schnell um und neigt zu Extremen. Für Norwegen habe ich mir Streckeninformationen aus dem Sykkelguide des norwegischen Statens Kartverk geholt und dabei gelernt, dass man darauf achten sollte, die neueste Ausgabe zu bekommen... Um Alternativrouten zu finden, benutzte ich außerdem die Autokarte Norwegen Süd von Freytag & Berndt (Nummer 1, Maßstab 1 : 250 000). Für Shetland und Orkney benutzte ich die Officiel Tourist Map von Ordnance Survey (1 : 128 000). Für Schottland und England sind die Ordnance Survey – Karten des National cycle network sehr zu empfehlen. Diavorträge Über diese Reise finden im Frühjahr 2006 Diavorträge statt. Termine werden in der nächsten „Pett man sülm!“ – Ausgabe bekannt gegeben. Es können auch gerne weitere Termine mit der Autorin unter andreaschulte@yahoo.de oder telefonisch (0451/ 504 14 68) vereinbart werden. AS

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